Der neue Papst ist für Führungskräfte ein lehrreiches Ostergeschenk.

vom Mediator und Coach Sebastian Schoberansky

Eigentlich müssten wir auch dem neuen Papst die berühmten 100 ersten Tage zubilligen, bevor wir ein erstes Resümee ziehen, doch für ein spontanes Lob für einen beispielgebenden Auftakt soll hier schon nach einer guten Woche seiner Amtszeit Raum sein. Es geht hier, mal wieder, um die Frage, welcher Führungsstil geeignet ist, die Untergebenen wirklich zu erreichen. Nicht nur durch die Unterschiede zu seinem Vorgänger Benedikt XVI. kann man von Franziskus I. einiges lernen. 

Mit Josef Ratzinger wurde ein Intellektueller, einer, der das Denken und Schreiben in der Zurückgezogenheit liebt, auf den Stuhl Petri berufen. Einer, der an die Kraft des Wortes, den präzise gedachten und formulierten Gedanken glaubt, schien genau der richtige zum Zeitpunkt seiner Wahl zu sein. Der riesengroße Zuspruch, insbesondere der der Jugend, zeigte, dass die Zeit reif war für Inhalte, für das Wesentliche.

Doch diese Kraft schien während seiner Amtszeit zu erlahmen, denn trotz seiner Schriften, die vieltausendfach verteilt wurden, erlebte die Organisation Katholische Kirche einige ihrer schwersten Krisen. Und Benedikt wirkte nicht wie die Lichtgestalt, zur der alle nur aufzublicken brauchten, um zu wissen, wie die Krise bewältigt oder gar verhindert werden konnte. Auch besaß er nicht die kraftvoll ordnende Hand, die die Schwächen seines Führungspersonals auszugleichen vermochte. Das Kirchenvolk begann in großen Teil zu murren und in Scharen abzuwandern.

Und was macht sein Nachfolger? Steigt nach seiner Wahl nicht in die bereit- , weil ihm zustehende Limousine, sondern kutschiert im Bus mit seinen Kardinalskollegen durch Rom, lachend und scherzend, wie erzählt wird. In den Tagen danach zeigt sich, dass dies kein menschelnder „Ausrutscher“ war: er geht persönlich in seine Pension und bezahlt die Zimmerrechnung aus seinem eigenen Portemonnaie, greift zum Telefonhörer und wählt selbst, womit er dem entgegennehmenden Pförtner bei dem Generaloberen der Jesuiten fast das Leben verkürzt.

Bezeichnend ist jedoch sein erster Auftritt vor seinem Kirchenvolk auf dem Petersplatz: dem Geist der Einfachheit folgend, muss er erst noch den statussymbolverliebten Zeremonienmeister, der ihm die üblichen Prunkgewänder überwerfen will, mit den Worten „Der Karneval ist vorbei!“ abbürsten (was für eine Ohrfeige!), um dann in einfachster Tracht und in seinen bequemsten Schuhen auf die päpstliche Loggia zu treten, um zu lächeln und …. erstmal zu schweigen.

Dieser Mann glaubt an die Kraft der Gesten, insbesondere die der sparsamsten. So wird sein Fischerring aus dem eingeschmolzenen alten Ring hergestellt, so trägt er sein eigenes silbernes Kreuz weiter um den Hals. So schockt er sein Sicherheitspersonal, weil er vor seiner Amtseinführung erstmal im Zick-Zack-Kurs durch die Zuschauerblöcke auf dem Petersplatz fährt, um ganz ohne Panzerglas in der Nähe der Menschen zu sein.

Und seine Worte? Auch hier scheint zu gelten, dass einfacher und weniger mehr ist. Wäre er Hamburger, so vermute ich, dass ihm das eine oder andere „Moin“ oder „Mahlzeit“ über die Lippen gekommen wäre, so einfach und alltäglich sind seine Worte. Das kommt nicht nur an und erreicht die Menschen, sondern bewegt sie im Innersten, denn sie fühlen sich durch diese Spiegelung endlich gesehen.

Doch bei alldem ist und bleibt Franziskus immer noch der Papst, der höchste Würdenträger seiner Organisation, der Boss (unter dem eigentlichen Boss). Als Angehörigem der Jesuiten, einem Orden, der sich u.a. Wissen und unabhängiges Denken auf die Fahne geschrieben hat, wird man davon ausgehen können, dass er weiß, was er da gerade tut. Zum einen: den Fokus auf die besondere Position lenken, indem er symbolhaft auf einige der üblichen Insignien dieser Position verzichtet. Zum anderen: die Höhe seiner Position in der Hierarchie betonen, indem er an ausgewählter Stelle die Distanz verringert und fast aufhebt.

Er setzt auf die Kraft der Irritation und der Überraschung, weil er weiß, dass die überkommenen Symbole und rituellen Handlungen ihre Wirkung längst nicht nur abgenutzt haben, sondern auch Verdruß aufgrund Übersättigung erzeugen. Er hat verstanden, dass Macht und Wirksamkeit nicht mehr allein durch Rang und Position entstehen, sondern durch persönliche Glaubwürdigkeit und Integrität.

Es wird sich zeigen, ob er dabei eher einen Stil pflegen wird, der die höhere Stellung als Normalfall lebt und den Ausstieg bewusst punktuell in Szene setzt, oder ob er die meiste Zeit einen bescheidenen kollegialen Führungsstil zeigt, der nur dort, wo es nötig ist, die besondere Position kraftvoll betont. Bei beiden Stilen wird es darauf ankommen, dass er die Ebenenwechsel glaubwürdig transportieren kann. Kann er dies nicht, so wird sich entweder sein Kirchenvolk enttäuscht (weil sich getäuscht fühlend) von ihm abwenden, oder aber seine Durchsetzungsfähigkeit innerhalb der Kurie und bei seinem übrigen Führungspersonal wird gen Null streben.

Im Prinzip bringt es die in Sachen Führungskultur immer sehr fortschrittliche Science-Fiction-Serie „Star Trek“ auf den Punkt: In einer Folge von „Next Generation“ erhält die Mannschaft rund um Captain Picard Besuch von einem Sternenflotten-Admiral. Auf der Brücke kommt es nach einer absurden Anordnung des Admirals zum Eklat, da das Führungspersonal gewohnt ist, auch seine widersprechende Meinung frei äußern zu können. Auf eine kritische Äußerung eines Offiziers hin blafft der Admiral mit den Worten „Na hören Sie mal, ich bin Sternenflotten-Admiral!“ zurück. Darauf baut sich wutschnaubend der Sicherheitschef, der stolze Klingone Ltd. Com. Worf, vor ihm auf und diktiert ihm in sein Gebetbuch: „Respekt gewinnt man nicht durch eine Position. Respekt muss man sich erarbeiten. Und zwar täglich!“

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass eine Führungskraft, ob nun Papst oder auf einer anderen Position, ein sicheres Gespür für die Wirkung seines Auftritts bei seinem Publikum haben muss. Sie muss wissen, dass nicht nur Worte, sondern vor allem jede noch so kleine Geste, große Wirkung haben kann und in jedem Fall beobachtet und registriert wird. Michael Jackson hat diese Kunst bei seinen Auftritten zur Perfektion getrieben. Wer also seine Leute wirksam hinter sich bringen will, muss, um es mit einem Ausdruck aus meinem früheren Berufsleben zu sagen, auch ein Performer, eine Rampen-Sau sein.

Wenigstens eine der leisen Töne, so wie der neue Papst.

 

Führungskräfte lernen daraus,

  • sich beim Mittagessen in der Kantine mal zu diesen, mal zu jenen Mitarbeitern zu setzen und durch Direktheit das Gespräch einfach zu machen,
  • statt wortreiche Appelle an die Mitarbeiter zu richten lieber auf den reservierten Parkplatz mit der großen Dienstlimousine zu verzichten,
  • sozialen Status nicht immer nur durch materiellen Schnickschnack demonstrieren zu müssen,
  • dem verantwortungsvollen Tun, dem Sein in der Aufgabe mehr Bedeutung zuzumessen als der Karriereplanung und strategischen Winkelzügen,
  • sich statt als Herrscher oder Macher im eigenen Bereich eher als Diener der überantworteten Aufgabe und der dafür tätigen Menschen zu sehen,
  • Motivation und Identifikation nicht durch sture Fokussierung auf die Sachebene, sondern durch Gewinnung der Herzen auf der Beziehungsebene zu erzeugen,
  • dass persönliche Glaubwürdigkeit das mächtigste Führungsinstrument ist,
  • mit Humor und Selbstironie auf das zwar Halt und Sicherheit gebende, aber auch einengende Korsett der Formalismen zu verzichten,
  • sich stets bewusst zu sein, das jede Äußerung und Regung beobachtet wird und bei den Untergebenen Wirkung entfaltet.

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