Jetzt streiken sie wieder…Nachtrag: Beate Zschäpe, die Öffentlichkeit und der Streik

Laut einem Beitrag des Nachrichtensenders N24 (Video „Das ist eine Lose-Lose-Situation„) trifft die Lufthansa nun der 14. Streik innerhalb von 20 Monaten. Sollte einem dabei nicht langsam das Gefühl beschleichen, dass in einem Unternehmen, in dem derart viel Unruhe herrscht, etwas grundlegendes falsch läuft? Sollten wir nicht anfangen danach zu forschen, was der Konflikthintergrund für einen Streik ist, anstatt uns einen schlanken Fuß zu machen und auf die Streikenden zu schimpfen?  

Streik ist eine Form der Konfliktaustragung. Nach der derzeit gängigen Definition des Konfliktforschers Fritz Glasl genügt es für das Vorhandensein eines sozialen Konfliktes, wenn nur eine beteiligte Partei die andere als beeinträchtigend empfindet. Systemisch betrachtet kann also jedes Handeln, ja schon die pure Anwesenheit eines anderen zu einem Konflikt führen. Es leisten also immer alle Beteiligten einen Beitrag zum Entstehen wie auch zum Verlauf eines Konfliktes, Versuche, im Sinne eines linear-kausalen Denkens einen Schuldigen zu identifizieren, springen daher auch immer zu kurz.

Doch ganz im Sinne dieses bei uns gut trainierten Denkens finden viele blitzschnell ein Objekt, auf das sie ihr Genervtsein über den Streik projizieren können. Interessanterweise ist dieses Objekt fast immer die Gewerkschaft oder ein prominenter Vertreter derselben, oder aber  gleich die Streikenden insgesamt. Fast nie beschwert sich jemand über das Verhalten des Arbeitgebers.

Sind wir bereits so gut in diese einseitige Bewertungstrance eingelullt? Im Zusammenhang mit dem NSU-Prozess wurden ja zahlreiche himmelschreiende Versäumnisse der Strafverfolgungsbehörden festgestellt, die erkennbar Resultat einer erschreckend einseitigen Wahrnehmung waren. Der Vorwurf, die Behörden seien „auf dem rechten Auge blind“ gewesen, dürfte die Beamten sicher hart getroffen haben, denn diese dürften ihren Job nach bestem Wissen und Gewissen gemacht haben. Aber halt mit einem ziemlich großen  „blinden Fleck“ an der genannten Stelle, wie es scheinbar in dieser Gruppe von Menschen unschöne Tradition war.

Und wir vom Streik Genervten? Können wir den unweigerlich vorhandenen Beitrag des Managements sehen und auch mutig so benennen? Oder gehört das schon zu unserem Selbstverständnis=Alltagstrance, hier einen großen blinden Fleck zu haben? Ist es für uns so viel leichter zu denken, dass die Arbeitnehmer mal lieber damit zufrieden sein sollten, was ihnen der Arbeitgeber gibt, als den Arbeitgeber aufzufordern, den Arbeitnehmern das zu geben, was sie haben wollen?

Wer von einem Streik genervt ist, erweist sich einen Bärendienst, wenn er auf den Streikenden herumhackt und ihnen die Berechtigung zum Streiken abspricht. Der GDL-Streik hat gezeigt, wie sehr der Druck der öffentlichen Meinung dazu geführt hat, dass sich die Reihen nur noch enger schließen und sich der Vorsitzende Weselsky bestätigt und sportlich herausgefordert sieht. Da haben dann auch gute Argumente, wie „schädigt das Unternehmen, kostet Arbeitsplätze, schädigt die Volkswirtschaft“ nicht mehr verfangen.

Viel empfänglicher für solche Argumente, vor allem bei gleichzeitiger Betonung ihrer ebenso vorhandenen Verantwortung für Eskalation oder Lösung sind sicher die Vorstände, der Arbeitgeber. Schließlich könnte der Streik sofort vorüber sein, wenn der Arbeitgeber die Forderungen erfüllt. Somit kommt ihm eine hohe Verantwortung auch hinsichtlich der Verstetigung des Konfliktes zu. Diese gilt es zu betonen.

Wer also einen Streik möglichst schnell beendet sehen will, wird schon aus Gründen der Effektivität den Arbeitgeber in den Fokus seiner Kritik nehmen müssen. Soviel Erweiterung des eigenen Gesichtsfeldes darf schon sein.

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